Nr.40/05 6.10.2005

Interview mit Ludwig A. Minelli, Geschäftsführer des Verein ,,DIGNITAS - Menschenwürdig leben - Menschenwürdig sterben"


Was ist von dem öffentlich verkündeten Engagement der bürgerlichen Politiker für das Leben zu halten, wenn z.B. im Gesundheitswesen immer mehr gestrichen wird? Bilder von einer Aktion der Azubis am Katharinen-Hospital in Stuttgart im Juli 2005 rf-fotos

Herr Minelli, Ihr Schweizer Verein DIGNITAS hat vor kurzem ein Büro in Hannover eröffnet, was zu erheblichem Aufruhr von Seiten der Kirche und auch der bürgerlichen Politik geführt hat. Können Sie uns kurz erklären, welche Ziele Ihr Verein verfolgt und wie er arbeitet?

DIGNITAS-Deutschland will die deutsche Debatte um Sterbehilfe verändern. Anstelle der Forderung nach ,,Aktiver Sterbehilfe" - Tötung eines Menschen durch einen anderen - soll begleiteter risiko- und schmerzfreier Suizid (Selbsttötung) ermöglicht werden. Außerdem soll großer Wert auf eine Debatte zur Verbesserung der gegenwärtig kaum erfolg reichen Suizid-Prophylaxe (Vorbeugung) gelegt werden. Wenn man bedenkt, dass sich in Deutschland Jahr für Jahr 12000 Menschen - alle 43 Minuten einer - das Leben nehmen und sich alle 53 Sekunden jemand vergeblich bemüht, von eigener Hand zu sterben, das sind gegen 600000 im Jahr, dann sieht man, wo das Feld liegt, auf welchem viele Leben zu schützen wären, wenn man es nur richtig anstellt. Doch dazu bedarf es des Umdenkens.

,,12.000 Menschen - alle 43 Minuten einer - nehmen sich in Deutschland das Leben"

Wer sich von der ,,Bild"-Zeitung steuern lässt, dürfte auf diesem Gebiete grundfalsch beraten sein, und wer bloß alte Vorurteile repetiert (wiederholt), läuft Gefahr, zu spät zu kommen. Man denke etwa an den Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Hoppe, der allen Ernstes bewusst den Unterschied zwischen Tötung auf Verlangen - also Verletzung des Dritt-Tötungstabus - mit dem assistierten Suizid verschleiert, indem er, seinen Ruf als redlicher Mann gefährdend, völlig unbesonnen beides gleichsetzt.

DIGNITAS setze ,,nur auf den schnellen Tod". Der Verein schlage die ,,Tür zu, das Sterben als ein Stück Leben zu begreifen". Wie entgegnen sie dieser Kritik?

Die beiden Damen haben, wie übrigens auch die Justizministerin, wie verschreckte Hühner reagiert, ohne sich zuerst einmal um die Fakten zu kümmern. Was soll man von solchen Politikerinnen oder einer Bischöfin halten, die nicht an sich halten können, bevor sie sich zutreffend informiert haben? Ich habe im Übrigen allen ein ausführliches Gespräch angeboten. Es wird sich dann zeigen, ob sie überhaupt gesprächs- und damit auch lernfähig sind. Ich habe vor einiger Zeit mit einem CDU-Politiker in einer hohen Funktion in einer Landesregierung eine Stunde lang gesprochen. Er hat mir hinterher bewegt gedankt und erklärt: ,,Sie haben meinen Horizont beträchtlich erweitert!"

Ihr Verein wird insbesondere von der Kirche angegriffen. Was sind die Hauptkritiken und welche Antworten haben sie darauf?

Die Kirchen geben zwar vor, sich für das Leben einzusetzen, wenn sie die Idee einer vernünftigen Sterbehilfe bekämpfen. Tatsächlich sind sie nur an ihren Dogmen interessiert. Wo, bitte, sind die kirchlichen Bemühungen zur Vermeidung der 12000 Suizide und der bis zu 588000 gescheiterten Suizidversuche, die sich in Deutschland jährlich ereignen? Die bisherigen prophylaktischen Maßnahmen setzen in aller Regel erst nach einem ersten Suizidversuch ein. Das ist jeweils ein Leben zu spät. Zudem empfehle ich die Lektüre des großen katholischen Heiligen Thomas Morus, der vom Vorgänger des gegenwärtigen Papstes zum Schutzpatron der Politiker und Staatsmänner ernannt worden ist. Was DIGNITAS tut, ist bei ihm in seiner ,,Utopia" nachzulesen, veröffentlicht 1517. Im übrigen und mit Verlaub: Wie kann eine Kirche, deren Leitung viele Millionen tote Afrikaner zu verantworten haben wird, wegen ihrer abstrusen Kondom-Politik, glaubhaft versichern, sie setze sich für das Leben ein?

Sie sprechen von einer Doppelmoral, weil viele Politiker fordern, Hospize und Schmerztherapie auszubauen und gleichzeitig die Ausgaben im Gesundheitswesen von den gleichen Politikern zusammengestrichen werden. Was ärgert sie hier?

Mein erstes Prinzip ist: Ärgere dich nicht, nur andere, und das ausgiebig, wenn sie es verdient haben. Es ist viel Heuchelei in der Debatte und das muss bewusst gemacht werden.

,,Die beiden Damen haben, wie übrigens auch die Justizministerin, wie verschreckte Hühner reagiert, ohne sich zuerst um die Fakten zu kümmern."

Auch im so genannten Sozialismus sind die Menschen auf eine bessere Zukunft vertröstet worden, ohne dass diese sich je hätte realisieren lassen. Das ist hier kaum anders, denn energische Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der medizinischen Versorgung fehlen, und das demographische Problem macht sich schwerwiegend bemerkbar.

Wichtigste Anlaufstelle ist unsere Website: www.dignitas.ch. Dort kann unser Prospekt im Kapitel ,,Weiterführende Texte" gelesen und herunter geladen werden. Bald wird in Hannover unser Büro funktionieren; die Adresse ist ebenfalls auf unserer Homepage unter ,,Aktuelles" ersichtlich. Auch an DIGNITAS in der Schweiz kann man sich wenden.

Wir danken Ihnen für das Gespräch

,,Energische Maßnahmen zur Verbesserung
des Gesundheitswesenfehlen,"
kritisiert 
DIGNITAS-Gründer Minelli rf-foto



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