Nr.51-52/05 21.12.2005

Otto Gotsche - Arbeiter, Schriftsteller und Politiker


Goseck (Korrespondenz): Jedem, der in der DDR die Schule besuchte, ist Otto Gotsche ein Begriff. Romane wie ,,Die Fahne von Kriwoj Rog", ,,Märzstürme" oder ,,Zwischen Gestern und Morgen" waren beliebte Schullektüre. In Westdeutschland vielleicht vergleichbar mit Wolfgang Borchert oder Erich Maria Remark. Seine Bücher begeisterten Millionen. Umso bedauerlicher, dass viele heute nur noch antiquarisch erhältlich sind.

Revolutionärer Arbeiter

Otto Gotsche wurde als Sohn eines Bergarbeiters am 3. Juli 1904 in Wolferode bei Eisleben geboren. Nach dem Schulbesuch erlernte er den Beruf eines Klempners. Bereits im Alter von 14 Jahren war er 1918 Mitglied im Spartakusbund1.

Von 1921 bis 1923 war er Unterbezirksleiter des KJVD2 in Mansfeld. Wegen seiner aktiven Teilnahme an den Märzkämpfen3 wurde er inhaftiert. 1923 wurde Otto Gotsche wegen ,,Hochverrats" gegen die kapitalistische Weimarer Republik zu Gefängnishaft verurteilt.

Danach war er als Funktionär in der KPD und als Arbeiterkorrespondent tätig. Da er in seiner Heimat keine Arbeit mehr fand, übersiedelte er 1924 nach Hannover, 1926 nach Schneverdingen (Lüneburger Heide) und dann nach Harburg.

1927 führte ihn eine Reise in die damals sozialistische Sowjetunion. Ab 1932 arbeitete er als Instrukteur der KPD-Bezirksleitung ,,Wasserkante".

Antifaschistischer Widerstandskämpfer

Ab 1933 saß er im Konzentrationslager Sonnenburg4. Danach stand er unter polizeilicher Beobachtung. Trotzdem setzte Otto Gotsche seinen antifaschistischen und revolutionären Kampf fort. So führte er seine illegale Widerstandsarbeit in den Jahren 1934-1945 im Bunawerk Schkopau und im Treibstoffwerk Lützkendorf durch.

1940 war er maßgeblich beim Aufbau der ,,Antifaschistischen Arbeitergruppe Mitteldeutschlands" beteiligt. Im Februar 1945 musste Otto Gotsche erneut in die Illegalität gehen. Dem heldenhaften Widerstandskampf dieser Gruppe widmete er sich in seinem Roman ,,Zwischen Nacht und Morgen" (1955).

Bodenreformer

Nach dem Sturz des Faschismus 1945 wurde er als Landrat in Eisleben eingesetzt. Danach war er Erster Vizepräsident des Regierungsbezirkes Magdeburg und leitete hier die Durchführung der Bodenreform. Kern dieser Bodenreform war die Enteignung von Faschisten und Großgrundbesitzern und die Verteilung des Landes an die Bauern. Im Zuge dieser Bodenreform wurde durch Otto Gotsche und Ernst Sachse die Mustersiedlung Weidmannsruh, aus der 1948 die Gemeinde Freileben hervorging, aufgebaut. Diese Siedlung gehörte zu den wenigen vollständigen Ortsneugründungen, die nach 1945 verwirklicht wurden. Es ist das jüngste Dorf in den neuen Bundesländern. Freileben befindet sich im landschaftlich reizvollsten Gebiet im Bundesland Brandenburg, zwischen Herzberg, Lebusa und Schlieben. In seinem Roman ,,Tiefe Furchen" (1949) schreibt er über die Zeit der Bodenreform.

Politiker der DDR

1946 ist Gotsche Bezirkspräsident von Halle-Merseburg und danach Ministerialdirektor in der Landesregierung von Sachsen-Anhalt. Ab 1949 ist er der Leiter des Sekretariats des Ersten Stellvertreters des Vorsitzenden des Ministerrates. Von 1950 bis 1960 war er Persönlicher Referent von Walter Ulbricht. Von 1960 bis 1971 arbeitete Otto Gotsche unter Walter Ulbricht als Sekretär des Staatsrates5) der DDR. Seit 1966 war Otto Gotsche Mitglied des Zentralkomitees der SED.

Mitträger der Restauration des Kapitalismus

Als Mitglied des Zentralkomitees der SED und führender Staatsfunktionär wirkte Otto Gotsche auch mit an der revisionistischen Entartung der Parteispitze. Seine persönliche Rolle dabei ist heute schwierig zu recherchieren. Der Bau der Mauer am 13. August 1961 zeigt den Otto Gotsche von dieser Seite, indem er sagte: ,,Jetzt haben wir die Mauer, und jetzt werden wir jeden daran zerquetschen, der gegen uns ist ...". Stefan Heym (Schriftsteller und Erzähler) traf O. Gotsche kurz nach dem Mauerbau. In dem geführten Gespräch sagte Gotsche mit einem Hass: ,,Jetzt haben wir sie!" Und damit meinte er nicht den Klassenfeind, sondern die Unseren, die Künstler des eigenen Landes.

Schreibender Arbeiter

Seine Arbeitsgebiete als Schriftsteller waren Erzählungen, Romane und Kinderbücher. Seine schriftstellerische Tätigkeit begann in den 20er Jahren mit Reportagen und Kurzgeschichten. In seinen oft dokumentarisch angelegten Romanen schildert er Höhepunkte der deutschen Arbeiterbewegung (siehe ,,Märzstürme"). Mit dem Buch ,,Die Fahne von Kriwoj Rog" ging er in die sozialistische Literatur ein. Millionen Lesern brachte er mit seinen spannenden Romanen die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und die Geschichte der Klassenkämpfe seit den Bauernkriegen näher

Förderer der Arbeiterkultur

Im April 1959 fand die Bitterfelder Konferenz (Kulturkonferenz) statt, deren Hauptinitiator Otto Gotsche war. Resultierend aus dieser Konferenz entstanden die Bewegungen ,,Greif zur Feder, Kumpel!", die Zirkel schreibender Arbeiter sowie die Volkskorrespondenten. Seit 1961 war er Mitglied der Akademie der Künste der DDR. 1958 erhielt er den Nationalpreis für Kunst und Literatur und 1959 den Literaturpreis der DDR. 1964 erhielt er den Kunstpreis der FDJ (Freien Deutschen Jugend).

Otto Gotsche starb am 17. Dezember 1985 in Berlin.

Fußnoten

1 Spartakusbund: marxistische Gruppierung in der deutschen Arbeiterbewegung, die sich unter der Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg während des I. Weltkrieges aus den Deutschen Linken formierte und zum Vorläufer der KPD wurde.

2 KJVD: Kommunistischer Jugendverband Deutschlands

3 Märzkämpfe: revolutionäre Aufstände der Arbeiter in Mitteldeutschland, unter anderem im heutigen Sachsen-Anhalt

4 KZ Sonnenburg: Östlich von Küstrin in der Mark Brandenburg. Das KZ hatte den Beinamen ,,Folterhölle".

5 Staatsrat der DDR: kollektives Gremium, das 1960 als Nachfolgeorgan des Amtes des Präsidenten der DDR geschaffen wurde. Erster Staatsratsvorsitzender war Walter Ulbricht. Zum Sekretär des Staatsrates wurde Otto Gotsche bestimmt.




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