Nr.43/05 27.10.2005

,,... es wird so getan als sei der Urknall gesicherte Erkenntnis"

,,Rote-Fahne"-Interview mit Professor Dr. Josef Lutz und Dr. Christian Jooß


Prof. Dr. Josef Lutz rf-foto

Dr. Christian Jooß

Willi Dickhut, Materialistische Dialektik und bürgerliche Naturwissenschaft 356 Seiten, viele teils farbige Abbildungen, 20,50 Euro

Josef Lutz, Ratlos vor der großen Mauer - das Scheitern der Urknall-Theorie 219 Seiten, viele Abbildungen, 13 Euro

Christian Jooß, Albert Einstein - Wissenschaftler und Rebell -Lebensbild und kritische Würdigung 76 Seiten, über 50, teilsfarbige Abbildungen, 6,80 Euro

Ende Juni 2005 fand in Portugal eine wissenschaftliche Konferenz statt, die sich kritisch mit der seit Jahrzehnten vertretenen Behauptung befasste, das Universum sei in einem einzigen gigantischen ,,Urknall" entstanden. In einigen wissenschaftlichen Zeitschriften wurde über die Konferenz berichtet - in Deutschland allerdings nur sehr wenig. Aus Deutschland nahmen Dr. Christian Jooß, Göttingen, und Prof. Dr. Josef Lutz, Chemnitz, teil und hielten dort gemeinsam Vorträge. Im Anschluss an die Konferenz berichteten sie in einem Interview für die ,,Rote Fahne".

Ihr wart auf dem Kongress ,,Kosmologie in der Krise" in Portugal - worum ging es bei diesem Kongress, wer hat ihn vorbereitet und finanziert?

Josef Lutz: Diese Konferenz hatte ihre Vorgeschichte. Ausgangspunkt war ein in den USA gestarteter Appell von Wissenschaftlern, der verlangte, die Verweigerung von Forschungsgeldern für Urknall-kritische Themen zu beenden und Projekte dieser Wissenschaftler gleichberechtigt in Betracht zu ziehen. Diesem Appell schlossen sich weltweit 146 Wissenschaftler an. Er wurde in dem in England erscheinenden ,,New Scientist" veröffentlicht. Die Initiatoren bildeten über das Internet die ,,Alternative Kosmologie Gruppe". Es entstand die Idee, einen Kongress der weltweit verteilten Teilnehmer durchzuführen. Eine fünfköpfige Vorbereitungsgruppe wurde eingerichtet. Die Hauptarbeit in der Organisation der Tagung leistete Professor Jos Almeida von der Universität Monção im Norden Portugals, wo der Kongress vom 23. bis 25. Juni 2005 mit zirka 40 hochkarätigen Teilnehmern stattfand. Jeder hatte eine Teilnahmegebühr zu bezahlen, das war die Hauptfinanzierung.

Für Leserinnen und Leser ohne große wissenschaftliche Vorbildung ist so etwas überraschend - oder steht die Behauptung vom Urknall schon länger in der Kritik?

Josef Lutz: Sie steht schon immer unter heftiger Kritik. So von Halton Arp, einer der besten Astronomen des 20. Jahrhunderts. Oder vom Physik-Nobelpreisträger Hannes Alfvén sowie vom Mathematiker Benoit Mandelbrot, den viele Leser kennen werden. Allerdings wird diese Kritik totgeschwiegen, und in Fernsehsendungen und populärwissenschaftlichen Büchern wird so getan, als sei der Urknall gesicherte Erkenntnis. Das gilt insbesondere in Deutschland und in den USA. In Großbritannien wird die Kritik schon seit langer Zeit offen geführt.

Christian Jooß: Viele in der experimentellen Physik, z.B. in der Materialforschung tätige Wissenschaftler lächeln schon lange über die Urknalltheorie und nehmen diese Theorie und ihre Vertreter nicht ernst. Jeder, der im Labor forscht, weiß, dass Materie und Energie nicht aus dem Nichts entstehen kann. Auch die Vorstellung einer Weltformel, aus der man einen Urknall und die gesamte Welt berechnen soll wird kritisiert. Manchmal heißt es salopp ausgedrückt ,,an den Urknall glauben doch nur die, die dafür bezahlt werden".

Das Hauptproblem ist, dass kritische Wissenschaftler, wie der Galaxienforscher Halton Arp in der Öffentlichkeit nicht zu Wort kommen. Populäre Wissenschaftssendungen und Zeitschriften wie ,,Spektrum der Wissenschaft" bringen fast ausschließlich die Urknalltheorie. Experimentelle Erkenntnisse der Astronomen werden verfälscht wiedergegeben.

Was waren denn die in Portugal diskutierten Argumente? Gab es etwas Neues?

Josef Lutz: Im ersten Abschnitt gab es einige Vorträge, in denen die Unvereinbarkeit astronomischer Beobachtungen mit der Theorie vom Urknall vertieft wurde. Das betrifft z.B. sehr große Strukturen, erst kürzlich wurde eine zweite ,,Große Mauer" entdeckt. Tom van Flandern aus den USA hielt schließlich den Vortrag über 50 mit dem Urknall nicht vereinbare Fakten. Im zweiten Teil ging es um die Hinterfragung der theoretischen Grundlagen der Urknall-Theorie.

Christian Jooß: Professor Yurij Baryshev von der Universität Petersburg, Russland setzte daran an, dass die allgemeine Relativitätstheorie die Energieerhaltung nicht beinhaltet. Er entwickelt eine Feldtheorie der Gravitation, aufbauend auf Theorien der sowjetischen Physiker Landau und Lifshitz. Wenn die Energieerhaltung berücksichtigt wird, ist kein Urknall mehr möglich.

In ähnlicher Weise erweiterte Frank Potter (USA), Schüler des bekannten US Physikers und Nobelpreisträgers Richard Feynman, die Allgemeine Relativitätstheorie. Die mathematischen Formulierungen ähneln dann denen der Quantentheorie. Und es gibt Lösungen für die möglichen Zustände im Gravitationsfeld, mit denen sowohl Planetensysteme als auch die Rotation der Galaxien sehr gut beschrieben werden können, ohne dass man eine geheimnisvolle ,,Dunkle Materie" braucht. Weiterhin geht daraus hervor, dass, entgegen der Behauptung der Urknalltheoretiker, ein Weltall ohne Expansion nicht unter der eigenen Schwerkraft kollabiert. Man braucht also keinen Urknall um eine Verklumpung von Sternen und Galaxien unter der eigenen Graviation zu einem Superstern zu verhindern.

Professor Franco Sellerie (Universitätdc Bari, Italien) zeigte in der kritischen Auseinandersetzung mit der speziellen Relativitätstheorie und Experimenten auf, dass ein vierdimensionaler-Raum unzulässig ist. Der Raum ist dreidimensional und dann bleibt wieder kein Spielraum für die Urknalltheoretiker: In einem dreidimensionalen Universum würde ein Urknall einen gigantischen Hohlraum am Ort der Explosion hinterlassen. Das wird jedoch nicht beobachtet. In alle Beobachtungsrichtungen im Weltall finden sich dieselben materiellen Strukturen: Sterne, Galaxien, Galaxiensuperhaufen und große Mauern.

Welche Position habt ihr dort vertreten und wie war die Resonanz?

Josef Lutz: Wir waren mit zwei Beiträgen vertreten. Christian Joos hielt unseren Beitrag zur Quantenrotverschiebung, er leitete ab, wie sich die Rotverschiebung der Spektrallinien sich aus kleinen Abweichungen von einem idealisierten Modell des Lichtes ergibt, was zu einer Energieabnahme der Photonen führt. Dagegen behauptet die Urknalltheorie dass die Rotverschiebung verursacht ist durch eine Expansion des Weltalls. Es gibt also eine einfachere Erklärung und die Annahme einer Ausdehnung des Weltalls lässt sich durch nichts beweisen. Ich trug unseren Beitrag ,,Entwicklung des Universums im Licht der modernen Elementarteilchenphysik" vor, in dem eine Einheit von Entwicklungsprozess des jeweiligen Objekts mit den Vorgängen im Mikrokosmos hergestellt wurde. Bei der Entwicklung von Sternen ist das die Kernfusion, die als Energiequelle dient. Bei der Entwicklung von Galaxien sind das Phasenübergänge der hochkomprimierten Materie im Zentralkörper der Galaxien, die schließlich zum Ausbruch neuer, junger Materie führen. Dieser Beitrag stieß aber auch auf Widerspruch von denen, die nur mathematisch formulierte Modelle zulassen wollen.

Wenn es keinen Urknall gibt, wie dann hat sich das Weltall entwickelt? Gab es über diese Frage Einheit/Widerspruch?

Josef Lutz: Es gibt keine Abschlusserklärung, und von der Leitung der Konferenz wurde auch kein Versuch unternommen, eine Zusammenfassung oder Vereinheitlichung zu erreichen. Es gibt Richtungen, Ideen und Ansätze, die in mehreren Beiträgen verfolgt wurden. Das ist, dass uns der Aufbau des Kosmos als hierarchischer Kosmos der Abfolge von Systemen oder als Fraktal aufgefasst werden kann. Hervorzuheben ist auch die Weiterentwicklung der theoretischen Ansätze und das Hineinnehmen der Energieerhaltung in die mathematischen Werkzeuge. Dies stellt einen großen Fortschritt dar und enthält sehr viele wertvolle Gedanken. Auf der anderen Seite gibt es das Bestreben, ein neues geschlossenes mathematisches Modell für das gesamte Universum finden zu wollen, das die Theorie vom Urknall ersetzt. Das aber ist unmöglich.

Christian Jooß: Die herrschende Weltanschauung des Positivismus wirkte auch in die Konferenz. Zum Beispiel in der Form einer Überbetonung mathematischer Modellbildung. Manche verstricken sich in mathematische Betrachtungen, bevor sie sich überhaupt mit der Fülle der experimentellen Erkenntnisse auseinandersetzen. Dies bedeutete einen bestimmten Spielraum für Theorien, die den Urknall nur abwandeln wollen. Die Kritik an solchen Auffassungen wurde geführt, aber hier gibt es keine einheitliche Auffassung.

Was ist denn die abschließende Bewertung?

Josef Lutz: Wissenschaftler, die kritisch zum herrschenden Dogma des Urknalls stehen, haben sich zusammengefunden und auf erster Stufe den internationalen Austausch organisiert. Die britische Zeitschrift ,,New Scientist" machte die Konferenz in ihrer Ausgabe vom 2.7. zur Titelgeschichte. Auch im Deutschlandfunk und in der Zeitschrift ,,Physics World" kamen ausgiebige Berichte. Das ,,American Institute of Physics" wird den Tagungsband veröffentlichen. Wir konnten auf der Konferenz sehr wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung unserer Arbeit gewinnen. Und nicht zuletzt sind freundschaftliche Kontakte zu engagierten kritischen Wissenschaftlern entstanden, mit denen wir positiv zusammenarbeiten können. Unsere Arbeit wurde dadurch sehr bereichert.

Vielen Dank für dieses Gespräch!




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